Der Mensch ist nicht von Anfang an Person, sondern erlangt das volle Personsein erst im Lauf seiner Entwicklung. Das geschieht auf verschiedenen Wegen, die miteinander verbunden sind. Zusammen mit dem Aufbau der Erkenntnis und der Befähigung zur Reflexion entwickeln sich Identität und Moral. Entscheidend ist der Schritt von der Fremdbestimmung zur Selbstbestimmung, zur Autonomie. Mit der Ausbildung eines Gewissens, das sich an selbstgewählten Prinzipien statt an vorgegebenen Regeln orientiert, wird der Mensch für sein Handeln voll verantwortlich. Selbstbesitz und Weltoffenheit führen zu einer echten Freiheit. – Diesen Entwicklungsverläufen der Person wird in drei Seminaren nachgegangen.

I. Der Aufbau von Erkenntnis und Reflexion (09. September 2017)

Seit den bahnbrechenden Forschungen von Jean Piaget zur Erkenntnisentwicklung wissen wir, dass das Kind nicht einfach ein kleiner Erwachsener ist. Es verfügt nicht über die gleichen Denkmittel und sieht die Welt ganz anders. Alles gilt ihm als beseelt und ist magisch miteinander verbunden. Beherrschend ist in den ersten Lebensjahren der momentane Eindruck des Kindes, nicht der logische Zusammenhang. Erst im Jugendalter entwickelt sich ein Denken, das konsequent logisch aufgebaut ist. Wissenschaft und Philosophie werden damit möglich. Auch die Sinnfrage stellt sich nun auf eine grundsätzliche Weise.

Ähnlich entwickelt sich die Reflexion, das Vermögen, die eigenen Vorstellungen und Auffassungen kritisch zu hinterfragen. Das Kind ist lange in einem Denken befangen, das es selbst nicht zu durchschauen vermag. Erst der Heranwachsende begreift, dass es auch Möglichkeiten und Ideale und damit Sinnpotenziale gibt, die das tatsächlich Gegebene übersteigen. Ein kritischer Umgang mit den eigenen Werten setzt damit ein, der zu einer personalen, selbstverantworteten Existenz führt.

II. Die Entwicklung von Identität und Moral (14. Oktober 2017)

„Identität“ ist ein vielschichtiger Begriff. Einerseits kommt ein Mensch mit einer festen Identität auf die Welt, die durch seinen Namen und seine Herkunft vorgegeben ist. Andererseits ist unsere Identität offen, insofern wir selbst bestimmen, wer wir sein wollen. Das geschieht in der Auseinandersetzung mit der Umwelt und der Gesellschaft, bei der es darum geht, die eigene Rolle und eine persönliche Existenzform zu finden. Die Berufswahl und das Eingehen einer Partnerbeziehung sind dabei entscheidende Faktoren. So werden wir über unsere Lebensgeschichte erst wirklich wir selbst.

Unsere soziale Existenz ist durch Normen geregelt. Am Anfang sind es die Eltern und Lehrer, die die Regeln festlegen. Dann prägen uns die eigene Altersgruppe und schließlich die Gesellschaft. Solange wir uns jedoch die Normen von en vorgeben lassen, leben wir konventionell und sind damit fremdbestimmt. Zu autonomen Personen werden wir erst, wenn wir uns von Grundsätzen leiten lassen, die wir selbst frei gewählt haben und zu denen wir unabhängig von jedem sozialen Zwang stehen.

III. Gewissen und Freiheit (18. November 2017)

Das Gewissen ist jene letzte Norminstanz, die wir in uns selbst tragen. Es bringt unsere persönlichen Wertungen zum Ausdruck und ist mit Viktor Frankl gesprochen unser „Sinnorgan“. Aber bis das Gewissen wirklich autonom aus uns spricht, ist es ein weiter Weg. Am Anfang ist das Gewissen die verinnerlichte Autorität der für uns maßgeblichen Bezugspersonen, und insofern hatte Sigmund Freud Recht, wenn er das Gewissen als das „Über-Ich“ bezeichnete. In der Folge repräsentiert das Gewissen die verinnerlichten, anerzogenen Normen der Gesellschaft. Erst in einem letzten Schritt wird das Gewissen zu einer wirklich persönlichen, weil autonomen Instanz, wenn es zum Inbegriff unserer frei gewählten Leitprinzipien wird. Identität und Moralität kommen dann im Gewissen zur Deckung. Es wird zum Angelpunkt unserer Existenz als Person.

Parallel zu diesen Entwicklungsverläufen entfaltet sich auch die menschliche Freiheit. Bewegt sie sich beim Kind im Raum der vorgezeichneten Möglichkeiten, so nimmt sie beim Heranwachsenden eine prinzipielle Form an. Sie orientiert sich an Idealen, die zur Verwirklichung aufrufen. Freiheit wird so zum echten Selbstbesitz, der sich am authentischsten in einer Selbsthingabe zu realisieren vermag.

Teilnahmegebühr pro Seminar: CHF 80.00

Daten: Samstag, 09.09.2017 (I) / Samstag, 14.10.2017 (II) / Samstag, 18.11.2017 (III)

Zeit: jeweils 09.30 – 12.00 und 14.00 – 17.00 Uhr

Ort: Institut für Logotherapie und Existenzanalyse, Freifeldstrasse 27, 7000 Chur

Anmeldung: info@logotherapie.ch / 081 250 50 83